Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen: Eine radikale Kapitalismuskritik


 
Konsequentes Denken, aber ...
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(REAL NAME)    Rezension bezieht sich auf: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen: Eine radikale Kapitalismuskritik (Taschenbuch) Bereits 1848 hatte Karl Marx begriffen (und hier etwas frei zitiert): "Mit seiner ihm innewohnenden und verfügbaren Energie kann das Bürgertum nicht existieren ... ohne sämtliche gesellschaftliche Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. ... Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die bürgerliche Leistungsepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. ...
Die bürgerliche Leistungsgesellschaft hat durch die Exploitation des Weltmarktes die Produktion und Konsumtion aller Länder global gestaltet. Sie hat ... den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. Die uralten nationalen Industrien sind vernichtet worden und werden noch täglich vernichtet. Sie werden verdrängt durch neue Industrien, deren Einführung eine Lebensfrage für alle zivilisierten Nationen wird. ... An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion. Die geistigen Erzeugnisse der einzelnen Nationen werden Gemeingut. ...
Das Bürgertum mit seiner ihm verfügbaren Energie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der es alle chinesischen Mauern in den Grund schießt. ... Es hat die Bevölkerung agglomeriert, die Produktionsmittel zentralisiert und das Eigentum in wenigen Händen konzentriert. Die notwendige Folge hiervon war die politische Zentralisation.
Mit seiner ihm innewohnenden und verfügbaren Energie hat das Bürgertum in seiner kaum hundertjährigen Klassenherrschaft massenhaftere und kolossalere Produktionskräfte geschaffen, als alle vergangenen Generationen zusammen. ... Die moderne bürgerliche Gesellschaft gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Gewalten nicht mehr zu beherrschen vermag, die er herauf beschwor. ... In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus."

Von 1993 bis 2005 hatten die Transaktionen der globalen Finanzmärkte in den USA, Großbritannien und der Eurozone um jährlich etwa 10% zugenommen, in China um 14% (Financial Times 18.1.2006). Hinter diesen Geldenergieflüssen stand jedoch kein reales Wirtschaftswachstum mehr, sondern es war, wie alle erfahren mußten, nur noch das Aufblasen eines Volumens. Im System der kapitalistischen Wirtschaft werden Wachstum und soziale Beschleunigung zu einem unentrinnbaren Sachzwang. Die Steigerung von Produktion und Produktivität und mithin das Streben nach Zeitvorsprüngen und Zeiteffizienz werden zu einer unausweichlichen Anforderung, welche die entsprechenden Bedürfnisse gleichsam mitproduziert.

Offensichtlich unterliegt auch die Instabilität bzw. die Verfallsrate der politischen Institutionen der Beschleunigung. Nehmen wir als Beispiel nur einmal die regionale Gemeindegliederung. Seit dem Mittelalter hatte die Mehrzahl der Menschen in Dörfern gelebt, die für sie den festen Rahmen ihrer wirtschaftlichen und politischen Existenz boten. Rechte und Pflichten veränderten sich in Jahrhunderten nur wenig und allmählich. Mit den Veränderungen des Wahlrechts im 19. Jahrhundert begann dann eine unaufhaltsame Modernisierung. Im Moment, als der Rezensent diese Zeilen schreibt, im Februar 2010, drückt die Landesregierung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt eine Reform durch, die alle Dörfer verpflichtet, sich in Gemeinden mit mindestens 10000 Einwohner zusammenzuschließen. Diejenigen, die sich das ausdenken, das beschließen und durchsetzen, haben offenbar keinen Sinn und kein Verständnis für die relativ sehr kurze Dauer der historischen und energetischen Situation, in der wir uns befinden. Ein Oberbürgermeister einer größeren Stadt Sachsen-Anhalts kommentierte die gerade stattfindende Gebietsreform der Kreise mit den Worten, daß es sich nicht lohne, darüber aufzuregen, da diese Reform sowieso bald durch die nächste abgelöst würde. Und tatsächlich: Jahrhundertelang beständige administrative Gliederungen werden seit dem 19. Jahrhundert in immer schnellerer Folge reformiert. Die alte Frau ohne Internet und mit geringer Rente - wen kümmert es, wenn sie im Dorf keinen Ansprechpartner mehr hat, keinen Laden und keine Poststelle? Der gegenwärtige Zustand, durch den Verwaltungskosten gespart werden sollen, kann, in historischen Dimensionen gesehen, nur ein kurzer und vorübergehender sein. Wenn die Energiekosten dramatisch steigen, wird die gegenwärtige, eben geschaffene, Struktur von Versorgung und Verwaltung nicht mehr aufrechtzuerhalten sein. Eine offene und entscheidende Frage ist es, ob es dennoch gelingen wird, die elektronische Kommunikation aufrechtzuerhalten oder sogar noch weiter auszubauen, auch im Großen Chaos und darüber hinaus.

Jahrhundertelang blieb das politische System des Mittelalters weitgehend stabil, bis in die Neuzeit hinein. Die 91 größeren Staaten, die bereits vor 1940 bestanden, erlebten zwischen 1800 und 1971 396 verschiedene Regierungsformen bzw. politische Verfassungen, worunter also plötzliche und tiefgreifende Veränderungen zu verstehen sind (Gurr 1974). Die mittlere Lebensdauer der politischen Systeme betrug 32 Jahre (Cook 2000, 173), in Europa jedoch meist nur 15 - 20 Jahre, dann wurde eine nächste Stufe im Kreislauf der Verfassungen erreicht. Von den Staaten, die es bereits 1914 gab, haben nur acht keine Revolution erlebt: die Schweiz, Schweden, die USA, Großbritannien und vier Commonwealth-Staaten. Veränderungen des Wahlrechts und anderer politischer Realitäten haben jedoch in allen Staaten stattgefunden. Die sozialen Unruhen im Gefolge der Energiekrise werden den politischen Wandel weiter anheizen.
Nicht wenige sagen mit guten Gründen für diese Zeit das Ende des Kapitalismus voraus, wie wir ihn kennenn, nicht nur Altvater. Die anfangs nur regionale, aber sich dann wie ein Flächenbrand ausbreitende Weltrevolution wird keine Gewalt der Erde aufhalten, bis schließlich alles im Großen Chaos endet und neu beginnt. Viele der Wissenschaftler und Denker, die Ursache und Wesen unserer globalen Beschleunigungskrise durchschaut haben und ihren zwangsläufigen katastrophalen Ausgang, sind wie Altvater der Überzeugung, daß diese Krise unweigerlich zu einer sozialistischen Gesellschaft führen wird. Dahinter steht in der Regel eine lineare Geschichtsauffassung, nach der auf dem Kapitalismus die Erlösung durch den Sozialismus und dann Kommunismus als paradiesischer Endzustand folgen wird. Vor 60 Jahren hat man in der DDR in der Schule versucht, mir - dem Verfasser dieses Rezension - eine derartige Auffassung als einzig seligmachende beizubringen. Nach weiteren 40 Jahren erlebten Sozialimus in seinem Niedergang kann mich persönlich eine derartige Perspektive nicht erneut begeistern. Meine Erfahrung teilt jedoch im Westen nicht die Generation der 68er und ihrer Schüler. Ihr Einfluß auf die Gesellschaft wird nicht geringer, sondern ständig größer. Da schon Aristoteles zu der Einsicht gelangt war, daß auf die Demokratie eine Herrschaftsform folgt, bei der die Massen erfolgreich auf Umverteilung drängen und alle Anzeichen darauf hindeuten, daß wir uns tatsächlich auf einen derartigen Gesellschaftszustand hinbewegen, können wir dem logischen Schluß nicht ausweichen, daß der gegenwärtige geistige Linkstrend in allen Industriegesellschaften zu sozialistischen Gesellschaftsformen führen wird.

Für mich, den Rezensenten, ist diese notwendige jakobinische Gesellschaftsform, wie sie vor dem absoluten Tiefpunkt der Produktion und Konsumtion eintreten wird, nur ein Übergangszustand zu neuen Gesellschaftsformen, die laut Aristoteles eher wieder napoleonisch geartet sein sollten. Den Parteigängern und Heilsverkündern aller Richtungen mag die Reihenfolge dieser Schlußfolgerungen nicht gefallen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 9. März 2010
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